Boreout – Warum Unterforderung am Arbeitsplatz krank machen kann.


Eine Freundin erzählte mir neulich von einer ehemaligen Kollegin, die den Spitznamen „Sit and wait“ im Büro hatte. Es blieb keinem Mitarbeiter verborgen, dass sie täglich vor Langeweile an ihrem Arbeitsplatz fast einschlief. Obwohl sie den Eindruck vermittelte, sie sitze nur rum und warte darauf, dass mal endlich was passiert, sagte sie zu Kollegen, dass die Arbeit sie zeitlich sehr auslasten würde und sie manchmal am Wochenende sogar weiterarbeiten würde. Sie hatte den Ruf, faul zu sein.

Ich vermute, es steckt etwas ganz anderes hinter ihrem Benehmen: Boreout.



Im Rahmen der Arbeitspsychologie habe ich mich diese Woche mit Konzepten der Arbeitszufriedenheit und Arbeitsbelastung beschäftigt. Sowohl im Hinblick auf die Zufriedenheit als auch im Hinblick auf Belastungen, ist es wichtig Über- und Unterforderung im Job zu vermeiden. Dass Überforderung langfristig zu körperlichen und emotionalen Stresssymptomen und im schlimmsten Fall zum Burnout führt, ist bekannt. Aber was passiert eigentlich mit uns, wenn wir unterfordert sind?


Der Gegenbegriff zu „Burnout“ ist „Boreout“. Dieser Begriff ist relativ neu, er wurde erst 2007 von den Autoren Philippe Rothlin und Peter R. Werder in ihrem Buch „Unterfordert. Diagnose Boreout - wenn Langeweile krank macht.“ eingeführt. Unterforderung am Arbeitsplatz verhindert nicht nur, dass man motiviert und zufrieden seiner Tätigkeit nachgehen kann, sondern kann darüber hinaus auch schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben: Müdigkeit, Schlafprobleme, Antriebslosigkeit, ein Gefühl der Ausweglosigkeit, Kopfschmerzen, Tinnitus und mehr. Wer sich schon mit den Symptomen eines Burnouts beschäftigt hat, dem wird auffallen, dass die Symptome paradoxerweise sehr ähnlich sind. Während das Burnout-Syndrom aber international und offiziell als Krankheit anerkannt ist, ist die Boreout-Thematik bisher wissenschaftlich kaum erforscht.


Ein Boreout kann durch eine längerfristige Unterforderung im Job entstehen.

Risikofaktoren für die Entstehung eines Boreouts sind unter anderem diese:

- Die Arbeitstätigkeit an sich langweilt einen, weil man seine Fähigkeiten, sein Wissen und seine Interessen nicht ausreichend einbringen kann.

- Man fühlt sich unausgelastet: Zu wenig Aufgaben treffen auf zu viel Zeit am Arbeitsplatz.

- Man sieht keinen tieferen Sinn in der Tätigkeit. Der einzige Sinn ist der finanzielle Lohn.


Wer sich unterfordert und gelangweilt fühlt, nutzt die Arbeitszeit für private Aktivitäten (z.B. Surfen im Internet) oder zieht Aufgaben, die eigentlich in Kürze erledigt sein könnten, extra in die Länge. Die Folge ist häufig ein schlechtes Gewissen. Die Tatsache, nur wenig zu leisten und das eigene Potential während der Arbeitstätigkeit nicht ausschöpfen zu können, mindert das Selbstwertgefühl. Aus Scham und Angst, bei Mitarbeitern und Vorgesetzten negativ aufzufallen, täuschen Betroffene häufig sogar vor, sehr beschäftigt und ausgelastet zu sein (wie im eingangs beschriebenen Beispiel).


Statt den Job zu wechseln oder mit den Vorgesetzten ein ehrliches Gespräch zu führen, verharren unterforderte Mitarbeiter oft in der scheinbar ausweglosen Situation. Sie haben Angst davor, dass die Unterforderung in Überforderung umschlagen könnte, wenn sie durch neue Aufgaben wieder mehr zu tun haben und bezweifeln, dass sie einer anspruchsvolleren Aufgabe gewachsen sind. Auch finanzielle Sicherheit oder Reaktionen des Umfeldes können Betroffene daran hindern, aktiv zu werden.


Wenn die Unzufriedenheit über einen längeren Zeitraum anhält, drohen die oben genannten Boreout-Symptome. Müdigkeit, Antriebslosigkeit und depressive Verstimmungen senken dann nochmals die Wahrscheinlichkeit, eine berufliche Veränderung einzuleiten, da die körperliche und mentale Kraft dafür fehlt. Die Erschöpfungssymptome können sogar dazu führen, dass selbst Aufgaben, die eigentlich unterfordern, nun nicht mehr ausreichend erfüllt werden können.


Psychologische Beratung in Form von Therapie oder Coaching kann Betroffene dabei unterstützen, ein Boreout zu überwinden. Im Rahmen einer psychologischen Beratung können die Ursachen beleuchtet werden, die zur Unterforderung geführt haben und es können die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, die Angst vor Veränderung zu überwinden.


Wie kann man sich selbst oder seine Mitarbeiter vor einem Boreout schützen?

Ob eine Tätigkeit einen Menschen zufriedenstellt, ist sehr individuell, denn hier spielen nicht nur situative Faktoren (z.B der Umfang an Aufgaben) eine Rolle, sondern auch individuelle Persönlichkeitseigenschaften. Dieselbe Aufgabe kann die eine Person erfüllen, aber die andere Person langweilen. Um sich selbst vor Langeweile am Arbeitsplatz zu schützen, sollte man bei der Berufswahl nicht nur finanzielle Aspekte in den Fokus stellen, sondern vor allem auch darauf achten, ob ein Job die eigenen Interessen anspricht und man einen Sinn in der Tätigkeit sieht. Fühlt man sich in einem Beruf unterfordert, sollte man rechtzeitig Mut zur Veränderung haben, mit dem Vorgesetzten sprechen oder einen Jobwechsel in Erwägung ziehen.


Trotz der unterschiedlichen Interessen von Personen, lassen sich aus psychologischer Sicht Faktoren nennen, die Zufriedenheit und Motivation am Arbeitsplatz im Allgemeinen fördern:

- Vielfältigkeit der Aufgaben (Aufgaben sollten möglichst unterschiedliche Fähigkeiten erfordern)

- Chance, Leistung zu erbringen und Herausforderungen zu bewältigen

- Eigenverantwortlichkeit, mit der Aufgaben gelöst werden können

- Anerkennung, Lob und Rückmeldung

- Erlebte Sinnhaftigkeit in der Arbeitstätigkeit (Was sind die Konsequenzen meiner Arbeit?)

- Wahrgenommene Verantwortung

- Förderung und Perspektiven zur persönlichen Entwicklung

(Vgl.: Job Characteristics Modell (Hackman/Oldham, Zwei-Faktoren-Theorie (Herzberg))


Diese Faktoren sollten vor allem Arbeitgeber beachten, die ihre Mitarbeiter fördern und vor Langeweile schützen wollen.



Die Kollegin meiner Freundin hat übrigens nach einiger Zeit selber das Gespräch mit dem Chef gesucht und um neue Aufgaben gebeten. Als ihr das verweigert wurde, hat sie sich in einer anderen Abteilung beworben. Dort ist ihre Arbeit so geschätzt, dass sie wohl bald den nächsten Karriereschritt machen wird.


Quellen:

Job Characteristics Modell (Hackman/Oldham)

Zwei-Faktoren-Theorie (Herzberg)

Philippe Rothlin, Peter R. Werder: Unterfordert. Diagnose Boreout - wenn Langeweile krank macht.